ADFC Fahrradklima Test 2014

Auch wenn Radfahrer in unseren Städten noch sehnsüchtig auf Radfahrer-Metropolen wie Amsterdam oder Dänemark blicken – Fahrräder rollen heute unbehinderter durch die Innenstädte. In den 1950er Jahren, als sich das Fortbewegungsmittel Auto über das Land zu verbreiten begann, hieß die Losung der Städte- und Verkehrspolitik, die Städte und Gemeinden autofreundlicher zu gestalten, Straßennetze für den aufkommenden Verkehr aufnahmefähig zu machen. Nicht erst in den letzten Jahren nahm ein Gegentrend Fahrt auf. Immer mehr Menschen steigen auf das Fahrrad um, und dies nicht nur in ihrer Freizeit. In zunehmend verdichteten Städten, im Zuge steigenden Umweltbewusstseins und drängender Parkplatznot zeigt man Modernität und Klimaverantwortung, wenn man vor dem Büro mit dem Fahrrad vorfährt.

Die Kür der deutschen Radfahrer-Städte

Der neueste Fahrradklima Test des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) aus 2014, bei dem über 100.000 deutsche Radfahrer nach ihren Erfahrungen in 468 unterschiedlichen Städten befragt wurde, gelangte eine mittelgroße Universitätsstadt in Westfalen nicht zum ersten Mal an die Testspitze: Münster. Die Testfragen bewegten sich in fünf Kategorien:

  1. Menge und Beschaffenheit der ausgewiesenen Fahrradwege, der Ampelschaltungen und Abstellplätze für Räder
  2. Sauberkeit, Sicherheit und komfortable Befahrbarkeit der Fahrradwege auch bei winterlichen Verhältnissen
  3. Möglichkeit, auf Fahrradwegen zu überholen
  4. Akzeptanz und Rücksichtnahme der übrigen Verkehrsteilnehmer
  5. Besonderheiten: Vorhandensein von Leihfahrrädern, Häufigkeit von Fahrraddiebstählen u.a.

Stolze Zahlen aus Münster

Die besonderer Fahrradaffinität in Münster hat auch historische Gründe. Nach dem Krieg entschieden sich die Stadtväter, die gewachsene Struktur der Innenstadt, die an anderen Orten dem wuchernden Autoverkehr zuliebe weitgehend zerschlagen wurde, beizubehalten. Das sicherte Münster ein behagliches und viel bewundertes Stadtbild. Gleichzeitig stellte sich für die Bewohner heraus, dass die engen Kopfsteingassen mit dem Kfz schwer zu durchfahren waren. Das Fahrrad war ein Gebot der Stunde, zumal die Universität boomte. Gerade Studenten sind klassischerweise auf dem Drahtesel unterwegs, der in Münster übrigens Masematte, Fietse oder Leeze heißt.

Der Fahrradanteil in der Stadt ohne Steigungen wird heute auf ca. 35% bis 40% des anfallenden Verkehrs geschätzt – von insgesamt 1,05 Mio. Fahrten. Genauso beeindruckend nimmt sich das Radwegenetze aus: 300 Fahrradwegkilometer, davon 290 auf Bordsteinwegen, 10 km auf ausgewiesenen Fahrradstraßen, 3 km Mitbenutzungsrecht der Busspuren. Ein Großteil der Fahrradwege geht bereits auf die Nachkriegsjahrzehnte zurück, als an Hauptverkehrs- und Ausfallstraßen Platz für das anschwellende Autoaufkommen geschaffen werden musste. Eine Münsteraner Besonderheit sind auch die besonders ausgewiesenen Radstreifen an viel befahrenen Kreuzungen und die sogenannte Fahrradschleuse vor Ampelanlagen.

Münster im Städtevergleich

Die schöne Stadt in Westfalen ist Wiederholungstäterin. Seit 1988 holte sie fünfmal den Titel als fahrradfreundlichste Stadt. Es wäre öfters gewesen, sagen die Münsteraner, wenn zwischen 1991 und 2003 die Erhebung nicht ausgesetzt worden wäre. Negativ spielt zwar die hohe Anzahl von Fahrraddiebstählen (die 179% über dem Bundesdurchschnitt liegt) und von Fahrradunfällen in das Ergebnis hinein, aber in einer Erhebung des ADAC aus dem Jahr 2004, in der objektive Testfahrer selbst Befahrungen durchführten, wurde Münster als einzige Stadt mit dem Prädikat „Sehr gut“ gewürdigt.

Münster wurde auch zum deutschen Vorreiter in Sachen Radverbot. Fahrradlenkern, die mehrfach mit einem deutlichen Alkoholgehalt oder Drogen im Blut erwischt wurden, drohen Bußgelder und drakonische Maßnahmen. Nicht ohne Erfolg: Die verstärkte Verkehrskontrolle bei Radfahrern erhöhte innerhalb von 5 Jahren zwischen 2006 und 2011 die Quote derer, die bei Dämmerung und Dunkelheit das Licht anknipsten – von 50 % auf immerhin 90%.

Was bei Radfahrern besonders gut ankommt…

Ein allgemein freundliches Klima gegenüber Radfahrern wird als ein wichtiger Attraktivitätsfaktor einer Stadt gemessen, nach innen und nach außen. Wenn sich Autofahrer und Radler als gleichberechtigte Partner betrachten, bestätigt dies den hohen Stellenwert, den die Kommune dem Rad zuweist. Komfortables Radeln stützt sich auf gut in Schuss gehaltene, hindernisfreie und intakte Fahrradwege. Auch wie man an Baustellen vorbeigeleitet werde, das Stadtzentrums erreichen könne und wie gut die Ausschilderung sei, spielen in der Umfrage eine große Rolle. Radfahrer bewegen Fragen wie „Kann ich mein Rad in den öffentlichen Verkehrsmitteln transportieren? Gibt es preisgünstige öffentliche Leihräder?“.

Was Radfahrer am meisten nervte…

Rücksichtslose Auto- und Lkw-Fahrer, vollgeparkte Fahrradwege, Drängeleien und Rangeleien zwischen Pkw und Rad, Ampelschaltungen, die nicht auf die Bedürfnisse der Radfahrer ausgerichtet sind, mangelhafter Winterdienst und Blockaden durch Baustellen – der Fahrradklima-Test des ADFC ist nicht nur ein wichtiger Indikator für die Fahrradfahrer-Zufriedenheit. Er ebnet auch den Weg zu Aktualisierung und Optimierung. Das hat viel mit Vertrauensbildung zu tun, denn die „gefühlte Sicherheit“ lässt Menschen umsichtiger reagieren. Wenn immer mehr Menschen den Drahtesel zum täglichen Gefährten machen, nützt dies der Atemluft, dem Klima, dem öffentlichen Raum und der gesamten Umwelt. Eine Stadt wie Münster wird von ihren Einwohnern geschätzt, sie zieht Pendler, Neubürger und Unternehmen an, die die Wirtschaftskraft stärken. Und davon können wieder Radwege gebaut und instandgehalten werden!

Der Test zeigte aber auch:
Es gibt noch viel zu tun, bis wir uns auch hierzulande über dänische Verhältnisse freuen können – zumindest was das Fahrradfahren in der Stadt betrifft.